Position der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) zu Tierschutz- oder Tierwohl-Labeln in der Schweinehaltung

Tierschutzlabel auf nationaler oder auch internationaler Ebene können Verbrauchern mehr Sicherheit beim Kauf von Produkten bieten, die aus artgerechter Tierhaltung stammen. Deshalb sind Initiativen zu solchen Labeln zu unterstützen – insbesondere solange es auf EU- und Bundesebene eher Blockaden bei der Einführung gesetzlicher Siegel gibt.

Allerdings können Positiv-Kennzeichnungen eine umfassende Deklaration nicht ersetzen, die – nach dem Vorbild von Schaleneiern - auch nicht artgerechte Tierhaltungsformen (Käfighaltung) klar kenntlich machen. Eine solche verbindliche Deklaration fehlt derzeit vor allem bei Produkten mit Verarbeitungseiern als auch bei Fleisch.

Eine wirklich artgerechte Tierhaltung kann man schon heute durch die Siegel bestimmter Bio-Verbände (wie Demeter oder Bioland) erkennen, ebenso durch Siegel im konventionellen Bereich wie z.B. Neuland oder Thönes-Natur.

Diese Siegel sind von Bauern und auch Tierschützern (u.a. dem Deutschen Tierschutzbund) sorgsam erarbeitet worden. Sie sind beileibe keine Luxusprogramme, sondern ein Mindest-Kompromiß zwischen Tierschutz und Wirtschaftlichkeit. Diese Betriebe praktizieren bspw. einen – wenn auch begrenzten – Auslauf für die Tiere und moderne rationelle Strohhaltungs-Systeme - denn eine artgerechte Tierhaltung funktioniert nicht ohne Stroh zum Wühlen und Spielen. Jeder Kompromiss unterhalb dieses Niveaus muss erhebliche und kaum vermittelbare Abstriche beim Tierschutz machen.

Das bundesweite „Netzwerk Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ von mittlerweile 200 Bürgerinitiativen und Verbänden als stärkster Ausdruck einer starken gesellschaftlichen Bewegung verhindert derzeit nicht nur Tierfabriken vor Ort, sondern hat bereits durch seinen starken politischen Druck gesetzliche Veränderungen bewirkt.

Die Novelle des Bundes-Bau-Gesetzbuchs und der Niedersächsische Tierschutzplan werden – bei Aufrechterhaltung des politischen Drucks – zu einer Begrenzung des Baus von Agrarfabriken und zu neuen Vorgaben der Tierhaltung führen.

Nur ordnungsrechtliche Vorschriften können EU-weit eine flächenbundene, artgerechte Tierhaltung ohne Antibiotika-Abhängigkeit in mittelständisch- bäuerlichen Strukturen ohne Wettbewerbsverzerrungen und konkurrierenden Preisdruck gewährleisten. Nur die dadurch zu erreichenden fairen Erzeugerpreise auch im konventionelleln Bereich können Bio- oder Neuland-Programme vom Billigpreis-Druck befreien.

Tierschutzsiegel können und müssen diese Entwicklungen und Bewegungen unterstützen und verstärken - dürfen aber keinesfalls dahinter zurückfallen. Etliche der neu vorgestellten Tierwohl-Label erfüllen diese Anforderung nicht oder nur unzureichend.

Dies gilt auch für das Tierschutz-Label des Deutschen Tierschutzbundes, das derzeit in Kooperation mit dem VION-Fleischkonzern umgesetzt werden soll. Das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbunds verlangt für die so genannte „Einstiegsstufe“ bei Mastschweinen (ausgelobt mit einem Silberstern)

- ein Drittel mehr Platzangebot,

- neben dem weiter bestehenden Spaltenboden einen befestigten und belüfteten Liegebereich mit „Minimaleinstreu“ oder einer weichen Matte (2 Jahre Übergangszeit),

- einen „Beschäftigungsautomaten“ mit Stroh,

- Luftkühlung oder Wasservernebelung,

- eine „Strukturierung der Bucht“,

- ein Verbot des Schwänzekürzens (aber erst nach 2 Jahren),

- das Verbot der betäubungslosen Kastration,

- eine Transportdauer von maximal 4 Stunden,

- eine sichere Betäubung am Schlachthof,

- „tierbezogene Kriterien im Betrieb und auf dem Schlachthof“,

- die Verfütterung von gentechnisch unveränderten Futtermitteln (aber erst nach 3 Jahren),

- eine Bestandsobergrenze von 3000 Mastplätzen.

Die sofort und nicht erst nach 2018 vorgeschriebene betäubungslose Kastration, die Begrenzung der Transportdauer und die sichere Betäubung am Schlachthof sind zu begrüßen. Eine artgerechte Tierhaltung gewährleistet dieses Programm dennoch nicht.

Die AbL drängt aus folgenden Gründen massiv auf rasche und gravierende Änderungen und Verbesserungen an diesem Programm:

1. Hinter dem VION-Tierschutzlabel steht keine wirklich artgerechte Schweinehaltung

Derzeit werden den Schweinen die Ringelschwänze abgeschnitten, weil sie sich sonst unter den Stressbedingungen gegenseitig die Schwänze abbeißen. Eine EU-Richtlinie hat dieses Kupieren bereits vor 9 Jahren untersagt und setzt jetzt die EU-Mitgliedsstaaten unter Druck, diese Richtlinie umzusetzen. Wenn man den Schweinen die Ringelschwänze nicht mehr abschneiden darf, muss man die Tiere artgerecht und ohne Stress halten.

Dazu gehört nicht nur mit etwas mehr Platz wie im VION-Programm, sondern unbedingt auch Stroheinstreu zum Wühlen und ein begrenzter Auslauf. Spaltenböden über den Gülle-Kanälen führen zu Klauenverletzungen und Lungenschäden. Bei festem Boden und Stroheinstreu gibt es diese Probleme nicht. Bei Neuland bleibt das Stroh im Stall sauber, weil die Tiere einen begrenzten Auslauf haben und draußen koten und urinieren. Beim VION-Programm wird selbst das angestrebte Management einer trockenen Liegefläche bei benachbartem Spaltenboden nur einem Teil der Betriebe gelingen.

Ein Drittel mehr Platz, eine andere Lüftungsführung und eine Gummimatte auf den Spaltenböden im Liegebereich der Tiere werden den Stress der Tiere und damit das Schwänzebeißen definitiv nicht abstellen können.

Auch die EU-Schweinehaltungs-Richtlinie verlangt ja ausdrücklich auch den Zugang der Schweine zu Stroh – als Einstreu. Eine Metallröhre, aus der die Tiere ab und an eine gepresste Strohtablette ziehen können, ist kein „Zugang zu Stroh“.

Der Tierschutzplan des Landes Niedersachsen hat das Ziel gesetzt, dieses Schwänze-Kupieren bis 2016 zu beenden. Die EU-Richtlinie untersagt dies seit 9 Jahren. Zumindest in der zweijährigen Übergangszeit (ohne Kupierverbot) fällt das Tierschutzsiegel also hinter die EU-Vorgaben zurück.

2. Das Tierschutzsiegel nützt bäuerlichen Betrieben nicht und schadet ihnen sogar

Bauern in Bioverbänden (wie Bioland oder Demeter) oder Neuland-Bauern halten ihre Tiere nach klaren Tierschutz-Standards, die der Deutsche Tierschutzbund mit entwickelt hat. Viele dieser Bauern befürchten zu Recht, dass die Konkurrenz des Billig-Tierschutz-Siegels ihren Absatz gefährdet, wenn Kunden im Vertrauen auf das neue Siegel billiger einkaufen wollen.

Die Erzeugerpreise für Schweinehalter liegen seit vielen Jahren unterhalb der Kosten. Auch die Teilnehmer am Tierschutz-Siegel-Programm erzielen keine Gewinne, weil sie ja höhere Kosten haben und ihnen nur diese höheren Kosten erstattet werden. Dies ist der Hauptgrund, weshalb nur 15 Betriebe am Tierschutz-Siegel-Programm teilnehmen. Diese Betriebe werden zudem vollständig an den VION-Schlachtkonzern gebunden.

Der Verband der deutschen Schweinehalter (ISN) prangert gerade aktuell die VION- Preisdrückerei gegenüber den Schweinehaltern an. Der in die Krise geratene und auch wegen Werkvertrags-Lohndrückerei kritisierte VION-Konzern will sich offensichtlich mit einer „Tierschutz“-Marketingblase ein besseres Image verpassen. Das Tierschutzsiegel zieht Obergrenzen erst bei 3.000 Mastschweinen – also in einer Dimension, die bisher nur von einer absoluten Minderheit von wachsenden agrarindustriellen Schweinehaltungsbetrieben praktiziert wird.

Vor allem diese gefährden die Akzeptanz der Landwirtschaft bei Anwohnern und in der Gesellschaft und sorgen zudem mit ihrer massiven Überschussproduktion für den ruinösen Verfall der Schweinepreise und somit für die Verdrängung vieler bäuerlicher Schweinehalter.

Eine artgerechte Tierhaltung mit Stroh und begrenztem Auslauf ist kaum in agrarindustriellen Dimensionen möglich und nur in bäuerlichen Strukturen wirklich praktikabel. Nicht ohne Grund haben die Trägerverbände von Neuland (AbL, BUND und Tierschutzbund) deutlich niedrigere Bestandsobergrenzen verankert.

Diese Regelung des Labels ist deshalb kontraproduktiv und schädlich – gerade in einer Zeit, da der Bundestag bei der Novelle zum BBGB darüber diskutiert, dass die Gemeinden Ställe schon ab 1.500 Mastplätzen verhindern können – auch wegen der Immissionsbelastung der Anwohner und der Umwelt. Bei diesen Größenordnungen wird es Bürgerinitiativen gegen Ställe des Tierschutzsiegels geben.

3. Die „Übergangszeiten“ des Tierschutzsiegels sind nicht nachvollziehbar

Das Tierschutzsiegel verlangt erst nach 3 Jahren gentechnikfreies Futter und erst in zwei Jahren die Beendigung des Schwanz-Kupierens. Dies ist nicht nachvollziehbar, weil die Bio-Betriebe und viele konventionelle Betriebe bereits ganz bewusst gentechnikfreies Futter kaufen und verfüttern. Eine Schweinehaltung ohne Schwanzkupieren ist sofort möglich, wenn man die Illusion einer strohlosen Haltung aufgibt. Dass es bezeichnenderweise auch keine Begrenzung beim Antibiotika-Einsatz im Tierschutzlabel gibt, ist auf diesem Umstand zurückzuführen.

Die in der „Übergangszeit“ zu erwartenden Misstände oder sogar Skandale gefährden nicht nur die Akzeptanz aller anderen oder künftigen Tierschutzsiegel, sondern sogar generell das Vertrauen in einer artgerechte Tierhaltung

4. Für ein wirkliches und unterstützendes Tierschutzsiegel!

Das „Netzwerk Bauernhöfe statt Agrarfabriken“, dem der Deutsche Tierschutzbund ja auch beigetreten ist, setzt bewusst auf ein baldiges Verbot der Stress- und Qualhaltung – und auf Ställe mit Stroh und begrenztem Auslauf. Ein Tierschutzsiegel sollte dies unterstützen und nicht dahinter zurückbleiben. Der Gold- bzw. Zweisterne-Standard des Tierschutzsiegels (Bio bzw. Neuland) darf nicht durch ein „Billig-Einstiegs-Siegel“ gefährdet werden.

Der Wunsch der Deutschen Tierschutzbunds nach einem Einstiegs-Siegel für mehr und billigeren Tierschutz ist ehrenwert und durchaus nachvollziehbar – aber das vorliegende Siegel kann diesen Anspruch nicht einlösen. Billig-Tierschutz bzw. Tierschutz-light ist in der Schweinehaltung ganz offensichtlich nicht praktikabel und sogar kontraproduktiv.

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage der Verbraucherzentrale Hamburg .

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